Zürcherstrasse 310 | CH - 8500 Frauenfeld

NUR NOCH POSITIVE AKTIONEN ZÄHLEN

tokyo

In einer Woche beginnen die Olympischen Sommerspiele 2020 (!) in Tokyo. Mit einem Jahr Verspätung und massiv beeinträchtigt durch die weltweit grassierende Covid-19-Pandemie finden diese Spiele mit besonderen Vorzeichen statt. Die Erfahrung zeigt: an Olympia setzen sich vornehmlich jene Athletinnen und Athleten durch, die sich psychisch optimal vorbereitet haben. Tokyo dürfte angesichts einiger ausserordentlichen Rahmenbedingungen noch für zusätzliche mentale Herausforderungen sorgen. Dieser Beitrag beleuchtet aus sportpsychologischer Sicht jene mentalen Aspekte, die in den Erfolg – oder vielleicht auch in den Misserfolg – führen. Schliesslich folgen erfolgsorientierte Olympia-Teilnehmende vor dem vielleicht wichtigsten Wettkampf der Karriere einer Prämisse: Ab jetzt zählen nur noch positive Aktionen!

Von Hanspeter Gubelmann, mind2win

Nach den Spielen ist vor den Spielen. Diese ursprünglich dem legendären deutschen Fussballtrainer Sepp Herberger zugeschriebene Fussballweisheit lässt sich sinngemäss auch auf Olympische Sportarten übertragen. Viele Trainerinnen und Trainer, Athletinnen und Athleten richten in ihrer sportlichen Karriereplanung ein Hauptaugenmerk auf Olympia. Damit ist die vierjährige Zeitspanne gemeint, die nach den Spielen 2016 in Rio begann und nun – ausnahmsweise fünf Jahr danach – an den Spielen in Tokyo ihren hoffentlich erfolgreichen Abschluss findet.

Neuorientierung im Jahr „danach“

Was viele nicht wissen: die Weichen für den Olympischen Erfolg werden häufig im Jahr „eins nach den Spielen“ gestellt. Für viele ist diese Phase gleichbedeutend mit der Beendigung ihrer sportlichen Karriere und dem Übergang in eine nachsportliche Karriere. Jene, die den Ausblick auf die kommenden Spiele richten, bietet das Nach-Olympiajahr Zeit zur Standortbestimung, zur sportlichen Neuorientierung und wird häufig auch zu Veränderungen und Optimierung im Umfeld (Auszeit, berufliche Entwicklung, Beziehungen) genutzt. Interessant auch: das internationale Leistungsniveau in den olympischen Sportarten sinkt nach Olympia meist beträchtlich; ein Umstand, der aufstrebenden, jungen Athletinnen und Athleten bessere Einstiegsmöglichkeiten in den Elitebereich ermöglicht.
Im zweiten und dritten Jahr liegt der Fokus auf der kontinuierlichen Belastungs- und Leistungssteigerung mit einem ersten Höhepunkt genau ein Jahr vor dem Olympischen Wettkampf. Damit geht auch eine systematische Förderung und Entwicklung der mentalen Fertigkeiten einher. Das «winning mindset» für den olympischen Erfolg basiert letztlich auf einer gezielten und planmässig umgesetzten Trainings- und Wettkampfstrategie, welche zum Zwischenziel, der erfolgreichen Qualifikation für die Spiele, führt. Die Vorbereitungsmassnahmen in der Olympia-Saison verfolgen vornehmlich das Ziel einer Optimierung der im vorolympischen Jahr investierten Mehraufwände. Die zielführenden mentalen Massnahmen – beispielsweise Vorstart-Rituale, Entspannungsmananagement oder Selbstregulations-Fähigkeiten – werden individuell optimiert und an ausgewählten Testwettkämpfen einer letzten Prüfung unterzogen.

Schon vor 20 Jahren erforscht – die mentale Vorbereitung

Mit welchen Belastungsfaktoren werden Spitzensportler gerade in ent­scheidenden Wettkampfsituationen konfrontiert? Hierzu geben zwei Athletenbe­fragungen Auskunft, die unter der Leitung des Zürcher Sozial­wissenschaftlers Jürg Schmid im Rahmen des Swiss Olympic Reports im Um­feld der Olympi­schen Spiele von Sydney 2000 und in den Nachfolgejahren durchgeführt wurden. In der soge­nannten „Non-Qua­lifyer-Untersuchung“ fand Schmid heraus, dass sich poten­tielle Olym­piakandia­tinnen und -kandidaten, welche die Selektionshürde für Sydney 2000 nicht schaff­ten, auf ihrer bisherigen Sportlaufbahn vermehrt mit psychischen Schwierigkei­ten kon­frontiert sahen. Leistungshemmende Gedanken und Ge­fühle im ent­scheidenden Wettkampf sowie die Einsicht, im Wettkampf nicht über sich hin­auswachsen zu können, werden ganz oben in der Hitparade der psychischen «Leistungshem­mer» genannt. Genauere Angaben zu Art und Ausmass psychi­scher Belastung an Olympischen Spielen macht die zweite Studie (vgl. Gubel­mann & Schmid, 2001). Etwa ein Drittel aller Athletinnen und Athleten tat sich schwer, im ent­schei­denden Moment das Optimum aus sich herauszuholen. Relativ weit ver­breitet und die Leis­tungs­entfaltung stark be­hindernd wa­ren: «Ver­krampfung» im Wett­kampf, Ver­unsiche­rung durch Kleinigkeiten, lei­stungshem­mende Gedanken und Ge­fühle und Kon­zen­trati­onsschwierigkeiten. Diverse Erfahrungsberichte aus jüngster Zeit unterstützen die vordringliche Bedeutung dieser, seit nunmehr 20 Jahren auch wissenschaftlich fundiert beschriebenen mentalen Aspekte.

Der Olympia Countdown läuft – trotz Corona…

Damit die oftmals akribische physische und psychische Vorbereitung am Tag X am olympischen Wettkampf in eine optimale Leistung umgemünzt werden kann, bedarf es in den letzten Tagen vor Olympia eine konsequente Anwendung der vorbereitenden Massnahmen und Handlungsroutinen. Eine Grundlage dazu bieten auch die Informationen, welche Swiss Olympic im Vorfeld der Spiele in Form von Informationsbroschüren – u.a. „Hitzeakkilmatisation“ oder „Bedingungen in Tokyo“ (siehe Illustration) – an die Olympia-Teilnehmenden abgibt. Darin finden sich wichtige Informationen zur Gestaltung der Anreise wie Umgang mit Jetlag, Informationen zur Schlafhygiene etc. sowie grundsätzliche Hinweise zum Erholungsmanagement, das im Zusammenhang mit der einzigartigen Erfahrung des „olympischen Erlebnisses“ speziell berücksichtigt werden muss. In der Wettkampfsituation basiert der sportliche Erfolg schliesslich im zuversichtlich-positiven Selbstbewusstsein, im entscheidenden Moment in einen automatischen und intuitiven Ausführungsmodus wechseln zu können, selbst wenn aufkommende Emotionen und Ablenkungen die konzentrierte Sicht auf die gestellte Aufgabe erschweren. Die über viele Monate auch in Zusammenarbeit mit dem Sportpsychologen erarbeiteten Routinen und Anpassungsstrategien helfen in der finalen Leistungssituation, sich dem Leistungsoptimum beherzt und selbstvertrauend anzunähern.

… und mit Corona; «expect the unexpected»!

Seit einigen Tagen ist bekannt, dass die Spiele in Tokyo ohne Zuschauer stattfinden werden. Angesichts der rigiden Corona-Einschränkungen, die aktuell in Japan herrschen, mutiert das grandiose, weltumspannende olympische Sportfest zum medialen Schauspiel in der olympischen Bubble. Wie sehr die einzelnen Akteure und Teams dadurch eingeschränkt sein werden, lässt sich momentan nur schwer abschätzen. Noch mehr als üblich im olympischen Kontext wird daher gelten: „expect the unexpected“!
Die Forderungen an die Athletinnen und Athleten, das Unerwartete zu erwarten, Zerstreuungen zu zerstreuen, gelassen auf unangenehme Situationen zu reagieren und nur dort Energie einzusetzen, wo tatsächlich Entscheidungsspielraum und Einflussmöglichkeiten bestehen, gilt es gelassen und als selbstverständlich anzunehmen. Letztlich wird die Pandemie und ihre Auswirkungen auf die Spiele die Sportlerinnen und Sportler immer wieder darin herausfordern, ihre Aufmerksamkeit dorthin zu lenken, wo sie hingehört – und dies sowohl im oder neben dem Wettkampf.

Fünf Handlungsrichtungen für Tokyo

Zusammenfassend lassen sich die im Beitrag diskutierten Erkenntnisse in fünf bedeutsame Handlungsrichtungen bündeln:

1) Das «winning mindset» der Athletinnen und Athleten im Hinblick auf auf eine erfolgreiche Teilnahme an Olympischen Spielen entsteht in einem langfristigen Entwicklungsprozess;
2) Das notwendige Wissen und Anwendungsknowhow müssen bei Athleten und Trainern gleichermassen entwickelt sein. Eine wichtige Partnerin in der zielgerichteten Vorbereitung und Umsetzung ist die Angewandte Sportpsychologie;
3) Olympia ist anders – wer meint, Olympische Spiele gleich „wie jede andere Meisterschaft“ zu bestehen, beraubt sich womöglich einer einmaligen Chance!
4) Olympische Spiele nehmen in der Karriereentwicklung eine vorrangige Bedeutung ein. Dies sollte auch in der Karriereplanung – insbesondere im Rahmen einer dualen Karriere – entsprechend berücksichtigt werden;
5) Herausforderung Covid-19: Es gilt, die Pandemie-bedingten Einschränkungen passend in die eigenene Olympia-Vorbereitung und Wettkampfstrategie einzuplanen. Zudem wird sich jener Athlet einen mentalen Vorteil verschaffen, der in einer Einschränkung auch eine Chance oder Möglichkeit sieht. Positive Aktionen stärken auch in dieser letzten Phase vor dem Wettkampf das Selbstvertrauen!

Zum Autor
Hanspeter Gubelmann, Dr. phil. war an insgesamt vier Olympischen Spielen in unterschiedlichen Funktionen vor Ort im Einsatz. Als wissenschaftlicher Leiter bei Swiss Olympic initiierte er vor 20 Jahren den Swiss Olympic Report – eine wissenschaftliche Studie, die sich am „sportlichen Erfolg im olympischen Kontext“ orientierte. Seit über 30 Jahren begleitet er in seiner Tätigkeit als Sportpsychologe regelmässig Athlet*innen auf ihrem Weg nach Olympia. Er ist eines von drei Mitgliedern von mind2win, Partner von sportlifeone für mentale Gesundheit.

Quellen
Literaturliste beim Autor erhältlich

Weitere Beiträge

Loading...