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BLOG DER WEG ZURÜCK NACH VERLETZUNGEN

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Lara Gut-Behrami wurde soeben zur grossen Schweizer Ski-Figur der alpinen Ski-Weltmeisterschaften in Cortina d’Ampezzo (Bild von Swiss Ski). Gold, Bronze, Gold – das Lachen ist wieder auf ihr Gesicht zurückgekehrt. Erleichterung, Zufriedenheit, Zuversicht.

Noch vor vier Jahren war die Gefühlswelt der Tessinerin eine komplett andere gewesen. An den Titelkämpfen in St. Moritz hatte sie sich beim Einfahren zum Kombinatoins-Slalom verletzt und fiel dann monatelang aus. Kein Adrenalin mehr im Starttor, dafür Reha in der Klinik. Sportlerinnen und Sportler sind in solchen Situationen gefordert, auch mental. Die Gefühlswelt im Leistungssport kann verrücktspielen.

Verletzungen gehören zum Leistungssport. Sie stellen ein einschneidendes Ereignis dar. Es sind unterschiedliche Faktoren, die zu einer Stressreaktion und schliesslich zu einer Verletzung führen. Zu den wichtigsten Faktoren zählen Persönlichkeitsmerkmale (Widerstandsfähigkeit, Kontrollüberzeugung), die Stresshistorie (Ärger, einschneidende Lebensereignisse) und die Stressbewältigung (Bewältigungsstrategien, soziale Unterstützung). Je stärker die negativen Einflussgrössen sind und durch positive Eigenschaften nicht ausgeglichen werden können, desto stärker fällt die Stressreaktion aus. Das Verletzungsrisiko nimmt zu (Williams und Anderson, 1998).

Ein Unfall nimmt, je nach Zeitpunkt des Geschehens, mehr oder weniger Einfluss auf die momentane Situation. Die Folgen sind nebst dem Zeitpunkt zudem vom Schweregrad der Verletzung abhängig. Das Spektrum reicht von Pausieren während wenigen Tagen, bis hin zum Saisonabbruch oder gar Karriereende. Nicht selten werden durch Verletzungen die angepeilten Saisonhöhepunkte – Weltmeisterschaften oder Olympische Spiele – verpasst. Der Rehabilitationsprozess stellt somit vielseitige Anforderungen an die Gedanken- und Gefühlsregulation von Leistungssportlern.

Die Rehabilitation nach einer Verletzung ist kein linearer Prozess, sondern ist eine Rückkehr zur Normalität mit Höhen und Tiefen. Die mentale Genesung ist mit der physischen Rehabilitation vergleichbar, bei der – je nach Phase – unterschiedliche Themen von Bedeutung. Aktives Training unter physiotherapeutischer Betreuung kann den Heilungsprozess unterstützen und beschleunigen. Genauso wichtig ist es deshalb, den Rehabilitationsprozess auch mental zu bestreiten und professionell zu begleiten.

In der Akutphase liegt das Augenmerk auf der Verarbeitung des Ereignisses und der Informationsgewinnung durch Unterstützung. Eine zentrale Rolle spielt dabei die soziale Unterstützung durch das sportliche, ärztliche und persönliche Umfeld. Das Ziel ist es, dass sich die verletzte Person in guten Händen fühlt und die notwendigen Informationen zum Rehabilitationsprozess bekommt. In der zweiten Phase geht es um die Rehabilitationsvorbereitung und -findung. Dabei steht das Erarbeiten einer realistischen und optimistischen Sichtweise im Fokus. In dieser Phase ist es sinnvoll, mentale Trainingsformen zu erlernen. Die dritte Phase steht im Zeichen des körperlich-mentalen Zusammenspiels im Aufbauprozess. Nebst dem gezielten Einsatz von psychologischen Trainingsformen, gilt es die Kompetenzen der Sportlerin hinsichtlich der Autonomie zu fördern.

Die vierte Phase ist die Vorbereitung auf den Wettkampfalltag. Das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu steigern, bildet dabei der Kern dieses Abschnitts (vgl. Müller, 2021).

Ganz grosse Athletinnen und Athleten schaffen es, nach Tiefschlägen zurückzukehren und sich wieder ganz oben einzureihen – wie Lara Gut-Behrami. Dazu hat auch ein kompetentes Team im Hintergrund beigetragen; Mediziner, Physiotherapeuten und Sportpsychologen.

 

Von Philippe Müller, Sportpsychologe mind2win

 

Quellen:

  • Williams J.M. & Andersen M.B. (1998). Psychosocial antecedents of sport injury: Review and critique of the stress and injury model. Journal of Applied Sport Psychology, 1998, 10(1), 5-25.
  • Müller P. (2021). Vordere Kreuzbandplastik bei einem Ski-Alpin-Fahrer (Sportpsychologie). In van Duijn A. & Overberg J-A. Rehabilitation von Sportverletzungen (S. 381-393). Stuttgart: Thieme.

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