Zürcherstrasse 310 | CH - 8500 Frauenfeld

BLOG POSITIVERE ANSÄTZE IM KINDERSPORT

Valeria-Sitz

Der Kinderleistungssport im Schweizer Turnverband ist 2020 in die Schlagzeilen geraten – jetzt läuft die Aufarbeitung. Das Magazin des Tages Anzeigers publizierte die Magglinger Protokolle , wo ehemalige Schweizer Kunstturnerinnen von den Methoden und Zuständen im Nationalkader berichteten. Und die Sportministerin Viola Amherd veranlasste eine externe Untersuchung, nachdem der BLICK schon etwas früher Vorwürfe aus dem Nationalkader der Rhyhtmischen Gymnastinnen enthüllte. Betroffen sind in beiden Sportarten Mädchen zwischen 12 und 18 Jahren, die ihre körperliche und persönliche Entwicklung noch nicht abgeschlossen haben und zudem in einem Leistungszentrum, fernab von ihren Eltern, leben. Einige kamen mit diesen Verhältnissen zurecht, andere haben in dieser Situation schwer gelitten. Es ist Zeit für eine neue Ausrichtung der Methoden im Kinderleistungssport.

Von Cristina Baldasarre, Sportpsychologin (mind2win)

Von Seiten der Athletinnen kommen sehr klare Forderungen nach einer Kehrtwende, nach einem Systemwechsel und nach pädagogisch geschulten Trainerinnen und Trainern. Richtigerweise werden die Stimmen für eine kindergerechtere Förderung im Sport immer lauter. Eine Neupositionierung der zentralen Entwicklungsaufgaben junger Athletinnen drängt sich nun auf und hoffentlich bedeutet dies eine echte und konsequente Integration von neuen Massnahmen in den Trainingsalltag.

Lesen Sie hier ein angewandtes Beispiel dazu, wie sich so ein Vorhaben anfühlen könnte. Eiskunstlaufen ist eine derjenigen Sportarten, die schon sehr früh professionell betrieben werden müssen – andere ähnliche Sportarten sind Kunstturnen, Rhythmische Gymnastik, Tanzen oder Synchronschwimmen. Die Bedürfnisse und normale Persönlichkeitsentwicklung der jungen Athletinnen passt da leider viel zu oft nicht zum gedrängten Saisonplan oder zu den (zu) hoch gesteckten Zielen. Um aber Jahre später eine erfolgreiche Spitzenathletin werden zu können, bedarf es eines psychologisch geschickten Trainingsumfeldes. Die Förderung und der Aufbau von Selbstvertrauen sind darum oberstes Ziel. Aber wie machen wir das im konkreten Trainingsalltag?

Das Beispiel einer 9-jährigen Eiskunstläuferin – nennen wir sie Emma – zeigt auf, wie ein gutes Zusammenspiel des Umfeldes sich positiv auf die junge Athletin auswirken kann. Emma konnte ihren ersten und persönlich sehr bedeutungsvollen Erfolg feiern und träumt nun von «Art on Ice» und Weltmeisterschaften. «Wer mehr Selbstvertrauen hat, wird öfters Erfolge erleben» und «Wer Erfolge kennt, hat mehr Selbstvertrauen»! Wir kennen alle diese bekannte Huhn-Ei-Diskussion. Eine Antwort darauf brauchen wir aber nicht. Aus der Literatur wissen wir, dass ein gesundes Selbstvertrauen vor allem auch ein positives Selbstbild und eine innere Stärke benötigt. Und eine Athletin lebt ja, systemisch betrachtet, eingebettet in ihrem Umfeld, welches essentiell an der Entwicklung beteiligt ist und ständig Einfluss nimmt. Darum ist ein professionelles Coaching eben dieses Umfeldes ein zentraler Faktor für langfristigen Erfolg.

Emma ist seit 5 Jahren leidenschaftliche Eiskunstläuferin. Was zuerst als Hobbysport begann, entwickelte sich schnell zu intensivem Training auf und neben dem Eis. Sie trainiert im Kader ihres Clubs rund 10 Stunden pro Woche und zeigt ihr Können auch gerne an Wettkämpfen und Meisterschaften. Sie selbst hat in Trainingslagern erste Erfahrungen mit sportpsychologischen Themen machen dürfen und dabei verschiedene mentale Strategien erlernt, die ihr in schwierigen Situationen helfen, ruhig und fokussiert zu bleiben. Genauso wichtig wie die persönliche Arbeit von Emma an ihrer mentalen Stärke, ist ihr Umfeld, welches leistungsfördernd unterstützt und pädagogisch geschickt funktioniert.

Seit Anfang an galt für die Trainerinnen und Familie darum: Jeder kleinste Erfolg zählt, denn das gibt Emma Kraft, Mut und Energie zum Weitermachen. Also wurden ihr, ähnlich wie bei der Methode Marte Meo (Bünder et al., 2015), immer wieder positive Videosequenzen aller Art gezeigt und die fehlerhaften meist weggelassen. Videos von eigenen Trainings, Tests oder Wettkämpfen, aber auch von ihren Vorbildern Sarah Meier, You Young und Stéphane Lambiel. Durch das Wiederholen von gelungenen Sequenzen werden automatisch positive Gefühle der Selbstwirksamkeit, Motivation und Stolz hervorgerufen. Emma lernt mühelos und freudvoll von ihren Idolen.

Weiter hat Emma von ihren Trainerinnen und ihrem Umfeld über die Jahre hinweg konsequent immer wieder unterstützendes und wohlwollendes, aber auch kritisch-konstruktives Feedback erhalten. Vor allem ist die Kommunikation auf dem Eis jeweils auf die technischen Details fokussiert und Fehler werden auf die Bewegung («du musst das Knie mehr beugen») und nicht auf Emma als ganze Person bezogen («du läufst steif wie ein Stecken»). Bereits vorhandenes Selbstvertrauen kann dadurch aufrechterhalten und verstärkt werden. Ganz nach dem Selbstwirksamkeitsmodell von Bandura (1977) ist die verbale Ermutigung/Motivation und positive Kommunikation einer der vier zentralen Ansatzpunkte, um die Selbstwirksamkeit zu steigern. Menschen, mit denen unterstützend und positiv gesprochen und denen zugetraut wird, herausfordernde Situationen zu meistern, strengen sich eher an und sie glauben vermehrt an ihre Fähigkeiten.

Kinder und Jugendliche haben entwicklungspsychologisch betrachtet noch keinen stabilen Selbstwert. Sie sind darum sehr abhängig von den Voten der Aussenwelt, vor allem derjenigen der Bezugspersonen wie Eltern, Lehrer oder Trainer. Das macht sie angreifbar, oder einfacher formuliert; mit Worten können Erwachsene viel Selbstvertrauen zerstören oder erst gar nicht aufkeimen lassen. Darum gilt bei allen Kindern und Jugendlichen das Gebot: Anspornen, Loben oder Motivieren ist stets sinnvoller als das Gegenteil.

Der Erfolg verleiht Flügel. Das ist nicht nur ein bekannter Werbespruch, dahinter versteckt sich viel Wahres. Denn was beflügelt mehr als der erlebte eigene Lohn für seine Mühen? So durfte Emma im Herbst ihren ersten, persönlichen Erfolg feiern und wurde in ihrer Alterskategorie Meisterin. Objektiv gesehen sicherlich ein toller Moment, subjektiv betrachtet für die 9-jährige aber das Grösste in ihrem Leben überhaut. Sie trug ihre Medaille mit viel Stolz die ganze Woche unter dem T-Shirt und erzählte allen von ihrem Erfolg, erntete viele Komplimente und positives Feedback. Sich an vergangene Erfolge zu erinnern und zu erfreuen, stärkt das Selbstvertrauen ungemein. «Wenn es einen Glauben gibt, der Berge versetzen kann, so ist es der Glaube an die eigene Kraft.» (Marie von Ebner-Eschenbach). Dieser Glaube an das eigene Können setzt voraus, in der Vergangenheit Heraus­forderungen angenommen und erfolgreich bewältigt zu haben. Dabei war für Emma zentral zu erfahren, dass sie durch ihr eigenes Handeln wirksam sein kann. Diese Erfahrung war im wahrsten Sinne des Wortes Gold wert.

Wenn Trainer positiv verstärkend arbeiten, dann machen sie schon vieles richtig. So sollten Athletinnen ihre Fortschritte als persönliche Erfolgserlebnisse vermittelt bekommen. Oft werden aber eben solche Erfolgsschritte wenig thematisiert, Fehler hingegen immer wieder besprochen. Das ist wie eine Waage, die andauernd aus dem Gleichgewicht fällt, wenn diese negative Seite schwerer wiegt als die positive. Erhalten Athletinnen aber auch regelmässig Rückmeldungen auf Gelungenes, dann wächst in ihnen das Gefühl heran, Trainer und Umfeld würden ihnen etwas zutrauen. Das ist Voraussetzung dafür, um selber Vertrauen in die eigenen Fähig- und Fertigkeiten zu entwickeln. «Die Athletinnen erleben dadurch Selbstwirksamkeit, die sie in die Lage versetzt, selbstständig hart zu trainieren und Verantwortung zu übernehmen. Das macht sie stärker und steigert ihr Selbstwertgefühl (…).» (Haas, 2011, S.13).

Quellen:
– Bandura, A. (1977). Self-Efficacy: Toward a Unifying Theory of Behavioral Change. Psychological Review, 1977, 84 (2), S. 191-215.
– Bünder, P., Sirringhaus-Bünder, A. & Helfer, A. (2015). Lehrbuch der MarteMeo-Methode (4. Aufl.). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
– Bund, A. (2003). Kinder stark machen – Selbstvertrauen fördern. In: Sportpraxis, Heft 4.
– Haas, P. (2011). Paradigmenwechsel im Sportunterricht. DSLV-Info Nr.1.

Weitere Beiträge

Loading...