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BLOGMAGGLINGER PROTOKOLLE LASSEN ERSCHAUDERN

MAGGLINGER PROTOKOLLE LASSEN ERSCHAUDERN

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Mein Hals ist trocken, ich bin schockiert. Ich habe soeben die „Magglinger Protokolle“ gelesen, eine feinsäuberlich geschriebene Dokumentation, die den Schweizer Sport mitten ins Herz trifft. Acht Frauen, gefangen als Kinder und Jugendliche im Nationalkader Kunstturnen oder Rhythmische Sportgymnastik, erzählen in aller Offenheit und Betroffenheit von ihrer schmerzhaften Zeit in Magglingen. Das wunderbar gelegene Dorf oberhalb des Bielersees, die nationale Wiege des Sports, ist Schauplatz von unhaltbaren Zuständen im Schweizer Turnverband!
Christoph Gertsch und Mikael Krogerus, zwei sorgfältig und hartnäckig recherchierende Journalisten, haben diese ausführliche Dokumentation am letzten Oktober-Samstag im MAGAZIN publiziert. Sie zeichnen ein übles Bild. Es geht um stillschweigend gebilligte Zustände, wie Berufstrainerinnen und -trainer mit den ihnen anvertrauten jungen Menschen umgegangen sein sollen. Ich leite daraus ab, dass es die STV-Verantwortlichen gar nie anders gewollt haben. Sie taten alles für den Erfolg. Denn wer an Olympischen Sommerspielen, Welt- und Europameisterschaften Finalplätze und Medaillen vorweisen kann, wird vom Sportdachverband mit leistungsabhängigen Zahlungen entschädigt. Kurzum – Medaillengewinne erhöhen auch die wirtschaftliche Sicherheit der STV-Geschäftsstelle. Der unbedingte Erfolg als Ziel – heiligt der Zweck die Mittel?
Der Blick der beiden Autoren geht zeitlich und geographisch weiter. Zurück in die Siebzigerjahre, als die Sowjetrussin Olga Korbut und die Rumänin Nadja Comaneci den Trend zum dynamischen Mädchensport eingeleitet hatten. Eine Wende, die niemand stoppen wollte. Olympische Wettkämpfe erreichen weltweit stets höchste TV-Einschaltquoten. Alle vier Jahre ist das ein beliebtes Turn-Spektakel, das Amerikaner, Osteuropäer und auch uns Schweizer gleichermassen begeistert. Wir blenden dann jeweils auch gekonnt aus, was wir in Dokumentarfilmen aus China gesehen haben, in denen sechsjährige Kinder in Turnzentren kaserniert sind.
Hungern, Trainieren, Umfallen, Weinen. Blossstellen, Kneifen, Fertigmachen. Nein – das ist nicht die Realität in Peking, sondern die Normalität für Kindersportlerinnen in Magglingen. Wie ist das nur im Schweizer Sport möglich, so frage ich mich? Was sind das für Methoden, welche für die Psyche dieser Athletinnen einschneidende und irreparable Folgen haben kann. Es sei das System des Frauen-Turnsports, das krank sei – so ist in den Protokollen zu lesen. Niemand war den letzten Jahrzehnten in der Lage, dies zu durchbrechen. Der STV wollte scheinbar nicht, aber auch Eltern, Gastfamilien, Sportpsychologen, Physiotherapeuten, Ärzte – zudem die Dachsportorganisationen Swiss Olympic und das Bundesamt für Sport – konnten dieses Tun nicht stoppen. Alle wussten zumindest bruchweise davon, niemand hat gehandelt. Das stimmt mich nachdenklich. Denn Leistungssport ist an sich eine herausfordernde und wunderbare Sache – aber nicht um jeden Preis, bitte. Der Mensch muss, egal in welcher Sportart, im Zentrum stehen. Und ich bin überzeugt; ein Trainer darf und soll seine Athletinnen fordern, um sie sportlich weiterzubringen. Aber mit Respekt.
Vor fünf Jahren hatte ich das Buch „Leiden im Licht“ gelesen, in dem Ariella Käslin als erste Schweizer Kunstturnerin über ihre „Gefangenschaft“ in Magglingen berichtete, in ihre kaputte Seele blicken liess. Sie verdient bis heute meinen grössten Respekt. Und sie erhielt schweizweit auch Gehör, weil sie erfolgreich war. Die in diesem Buch besprochenen Themen, welche die Europameisterin und dreifache Schweizer Sportlerin des Jahres damals offenbarte, kommen auch jetzt wieder hoch. Es hat sich seit 2011, ihrem Rücktrittsjahr, scheinbar nichts verändert. Auch damals las ich von Suizidgedanken, wenn ich mich richtig erinnere. Ariella Käslin hat nach ihrem Rücktritt unter Tränen ganz viele Jahre gebraucht, bis sie nun wieder zu einer selbstbewussten Frau werden konnte.
Mitte Juni sass ich im Sitzungssaal an der prächtigen STV-Geschäftsstelle in Aarau. Mir gegenüber unter anderem der heute stark beschuldigte Geschäftsführer sowie der zunächst freigestellte und nun per Ende Oktober entlassene Chef Spitzensport. Ich stellte den beiden Top-Funktionären unsere neue Dienstleistungsplattform sportlifeone vor und warb dafür, dass wir mit unseren Partnerfirmen auch Sportmenschen der STV-Kader in privaten Fragen unterstützen und begleiten möchten. Sie signalisierten Offenheit, wollten sich das gerne überlegen. Heute zweifle ich etwas daran, ob mein Hilfsangebot jemals zu den Athletinnen und Athleten gekommen wäre. Aber – unser Angebot gilt weiterhin. Jetzt erst recht.

Martin Zinser

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